Geschichte der Domestizierung

Abstammung

Afrikanische Wildkatze (Felis silvestris lybica), nach genetischen Untersuchungen die Vorfahrin aller Hauskatzen

Dieersten Vorfahren der Kleinkatze der Alten Welt, zu denen auch dieWildkatze (Felis silvestris) gehört, erschienen vor etwa neun MillionenJahren. Die Wildkatze ist asiatischen Ursprungs und tritt erstmals imunteren Pleistozän mit der Spezies Felis lunensis in Erscheinung.Anschließend breiten sich verschiedene Unterarten in der gesamten AltenWelt aus.

Wegen der morphologischen Ähnlichkeit und der nahengenetischen Verwandtschaft war der Ursprung der Hauskatze (Felis catus)bis vor kurzem nicht gänzlich geklärt. Eine Abstammung von der Manul(Otocolobus manul) oder der Rohrkatze (Felis chaus) wurde von derWissenschaft verneint. Auch die Meinung, die Hauskatze sei eineKreuzung aus Rohr- und Wildkatze, ist heute obsolet, wenn es auchvereinzelt zu Paarungen der beiden Arten gekommen sein mag, zumal diesein der F1-Generation fruchtbar sind. Die Domestikationsforschung gehtheute davon aus, dass die Hauskatze lediglich von einer Wildartabstammt, nämlich der Wildkatze (Felis silvestris), deren Lebensraumsich von Schottland über Afrika bis nach Asien erstreckt.

Esgalt als wahrscheinlich, dass Vertreter von drei Hauptgruppen der Art(Waldkatze, Falbkatze, Steppenkatze) am Domestikationsprozess beteiligtwaren. Hierbei hat die Waldkatze (Felis silvestris silvestris) ihrennatürlichen Lebensraum in Europa, Kleinasien und im Iran. Sie istrelativ kräftig, hat kurze Ohren und einen buschigen, dicken Schwanz.Die Falbkatze (Felis silvestris libyca) lebt in den Buschlandschaftenund Steppen Afrikas und Arabiens. Sie hat große Ohren, ist schlank undhochbeinig. Die Steppenkatze (Felis silvestris ornata) kommt in Vorder-und Mittelasien vor. Sie ist kräftiger gebaut und untersetzter als dieFalbkatze. Die genetischen Merkmale der Wildkatzen sind gegenüber denender Hauskatze dominant. Als Hauptstammform betrachtet man dieFalbkatze, der zweitstärkste Einfluss wurde der Steppenkatzezugesprochen. Die Waldkatze ist ein ausgesprochener Kulturflüchter undkam als Vorfahre am wenigsten in Frage.

Tatsächlich ist unterden verschiedenen Unterarten der Felis silvestris der Urahne derdomestizierten Hauskatze die auch als Falbkatze bezeichneteafrikanische Wildkatze Felis silvestris libyca. Diese Unterart ist dieam wenigsten aggressive Art und war damit am geeignetsten für dasZusammenleben mit den Menschen, so dass sie im Alten Ägypten alsHeimtier gehalten wurde.

Ein Team der Universität Oxford um denGenetiker Carlos Driscoll, das die Gene von fast 1000 Hauskatzen vonfünf Kontinenten untersuchte, wies nach, dass alle fünf aufgefundenengenetischen Hauptlinien allein von der Felis silvestris libycaabstammen und dass die Domestikation wahrscheinlich fünffach unabhängigvon einander im so genannten Fruchtbaren Halbmond erfolgte.

Frühzeit

Mitbeginnender Sesshaftigkeit der Menschen schloss die Katze sich ihnen –zunächst als Abfallvertilger am Rand von Siedlungen lebend – an.Vermutlich kam es infolge der sich daraus ergebenden beiderseitigenVorteile allmählich zur Selbstdomestikation der Tiere. Knochenkleinerer Katzen wurden zusammen mit menschlichen Knochen aus einerZeit von vor bereits 9.000 Jahren in Mesopotamien, Südost-Anatolien undJordanien gefunden. In Jericho wurden bei Ausgrabungen Katzenskeletteentdeckt, die auf das 6. Jahrtausend v. Chr. datiert wurden. Dortbetrachtete man die Katze vermutlich eher als Beute- denn als Haustier.Im achten Jahrtausend vor Christus zähmte man auch auf Zypern Katzen.2004 entdeckte man dort in einer Grabstätte Katzenexemplare, die anWildkatzen erinnerten, aber noch nicht domestiziert waren. Wildkatzenkennen nur Fauch- und Knurrlaute. Die klassischen „Miau“-Laute sindnach Auffassung einiger Forscher eine Art Sprache der Hauskatzen, ummit dem Menschen verbal kommunizieren zu können – andere sind wiederumder Ansicht, hierbei handele es sich lediglich um eine Fortführung derBabysprache, die ansonsten nur Katzenjunge gegenüber ihren Mütternverwenden.

Antike

DieDomestizierung der Katze begann in Ägypten vor 6.000 Jahren. Bereits abdem 3. Jahrtausend v. Chr. finden sich in Bildern und ZeichnungenBeweise für ein friedliches Zusammenleben von Mensch und Tier. DieDarstellung einer Katze mit Halsband in einem Grabmal der fünftenDynastie (etwa 2600 v. Chr.) ist der erste Hinweis auf eineDomestizierung der wilden Art. Domestizierten Katzen dienten ihrenBesitzern sowohl zur Mäusejagd - als auch nachweisbar seit demMittleren Reich zur Jagd auf Wasservögel im Papyrusdickicht.

Dielandwirtschaftlich geprägte altägyptische Kultur maß der Katze einehohe Bedeutung zu, die sich schon früh zu einer kultischen Verehrungder Tiere entwickelte. Ausdruck hierfür ist die Katzengöttin Bastet,der man Einfluss auf Fröhlichkeit und Liebe, Schönheit, Weiblichkeit,Anmut und Fruchtbarkeit zusprach. Sie wurde oft als kleine Katze mitLöwenkopf oder weibliche Gestalt mit Katzenkopf dargestellt. In derSpätzeit nahm der Katzenkult die größten Ausmaße an; in Bubastis(zeitweise auch die Hauptstadt des oft geteilten Reiches) strömtenviele Pilger in das Kultzentrum, und opferten tausende mumifizierteKatzen (bei Herodot nachzulesen). Außerdem war es gebräuchlich, dassder Besitzer sich beim Tod einer Katze zum Zeichen der Trauer dieAugenbrauen abrasierte und den Körper des Tieres nach Bubastis getragenhaben, um ihn einbalsamieren und auf einem speziellen Katzenfriedhofbestatten zu lassen. Alternativ konnte die Katze auch zusammen mitihrem Besitzer beerdigt werden. Die Tötung einer Katze wurde alsTodsünde betrachtet.

Zu dieser Zeit betrachteten Griechen undRömer die Katze als merkwürdiges Haustier und überließen es lieber denFrettchen, ihre Häuser von Mäusen frei zu halten. Später verband mandie weiblichen Götterfiguren Artemis in Griechenland und Diana im AltenRom sowie Freya in Skandinavien auf irgendeine Weise mit derKatzengestalt. Sie wurde mit dem Mutterkult, der in vielen Kulturen fürFruchtbarkeit, Mondphasen, Überfluss und Geburt steht, in Verbindunggebracht, da die gebärfreudige Katzenmutter ihre Kinder liebevollumsorgt und beschützt. Zudem galt sie als tolerant und unabhängig. DieFähigkeit ihrer Pupillen, sich zu Schlitzen zu verengen oder zuvergrößern, wurde an die Mondphasen angelehnt.

Die Ausfuhr vonKatzen aus Ägypten war untersagt. Phönizier schmuggelten auf ihrenSchiffen Katzen nach Italien, Gallien und Britannien. Archäologenfanden in Siedlungen in der Nähe von Amsterdam (ca. 2000 v. Chr.) undin Tofting an der Eidermündung (ca. 100 n. Chr.) Katzenknochen. GrößereBedeutung für die Verbreitung von Hauskatzen in Europa hatten Tiere,die auf Handelswegen aus Vorderasien vor allem nach Griechenlandgebracht wurden. Erstmalig erscheinen die Tiere hier auf Vasenmalereiendes 5. und 4. vorchristlichen Jahrhunderts. Auch für ihreWeiterverbreitung sorgten die Phönizier.

In Indien war dieHauskatze häufig ein wichtiger Bestandteil religiöser Zeremonien. Vondort gelangte sie erst nach China und später nach Japan, wo sieähnliche Aufgaben übernahm. In China um 1500 v. Chr. beschützten dieKatzen die Kokons der Seidenraupen und in den Tempeln die altenHandschriften vor den Ratten und Mäusen. Dies belegen zahlreicheZeichnungen. Die Chinesen der damaligen Zeit glaubten, dass nur derMensch und die Katze eine Seele besaßen. Die Katze stand für Glück undein langes Leben. Sie war ein Statussymbol der glücklichen Reichen. Ausder Tang-Zeit gibt es die ersten Hinweise einer liebevollen Bindungzwischen Mensch und Katze: Eine Suchanzeige lautete: „Aus dem Hause YüTa-Po ist ein Kätzchen entlaufen. Seine Farbe ist weiß. Sein Rufname:Schneemädchen.“ Hsü Hsüan, ein weiterer Zeitgenosse beschrieb die Liebeeines Mannes zu seiner Katze, der das Tier so sehr liebte, dass er esnicht über sein Herz brachte, seine Samtpfote nach ihrem Tod zubegraben. Tagelang saß er neben dem toten Tier bis der Körper der Katzein Verwesung überging.

Mittelalter

DieBedeutung der Katze war im frühen Mittelalter gering. Mit derzunehmenden Ausbreitung der – ebenfalls über Seehandelswegeeingeschleppten – Vorratsschädlinge Wanderratte, Hausratte und Hausmausergab sich die Notwendigkeit ihrer Bekämpfung, was im Spätmittelalterzu einer starken Zunahme der Hauskatzen führte.

Trotz ihrerunbestreitbaren Nutzwirkung wurde sie vom mittelalterlichen Aberglaubenzum dämonischen und unglückbringenden Wesen stigmatisiert, galt alsBegleiterin von Hexen und Schülerin des Teufels. Im Volksglauben rittenHexen auf dem Rücken riesiger Katzen zum Hexensabbat. Deswegen wurdenbesonders die schwarzen Katzen gnadenlos verfolgt, teilweise sogar, inKörbe gesperrt, auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Einefreundschaftliche Beziehung zu einem Tier, besonders zu diesem, galtals Gotteslästerung. Dennoch finden sich sowohl in den ärmeren sozialenSchichten als auch bei Adel und Klerus Katzenliebhaber. Mit den ihrzugesprochenen magischen Eigenschaften bekam die Katze in derVolksmedizin einen hohen Stellenwert, indem fast alles von ihr zuHeilzwecken verwendet wurde.

Im 10. Jahrhundert lebten dieKatzen in England als vornehme Gespielinnen von adligen Damen am Hof.Katzen waren rar und daher sehr wertvoll. Nach dem Gesetz des Prinzenvon Südwales anno 940 n. Chr. konnte sich eine Ansiedlung nur Dorf oderHamlet nennen, wenn diese Siedlung neun Gebäude, einen Pflug, einenBrennofen, ein Butterfass, einen Hahn, einen Stier, einen Hirten undeine Katze aufweisen konnte. Die Preise für eine Katze schwankten. ImSachsenspiegel, dem 1220–1230 verfassten Gesetzbuch, wurde dreiPfennige Schadensersatz für eine Katze festgelegt. Dies war nichtwenig, denn für ein Lamm oder für eine Kuh standen damals vier Pfennigezu Buche. Um genügend Tiere auch für die Mäusejagd zu gewinnen, habendie Europäer laut Nehring (1888) die Europäische Wildkatze mit ihrenzahmen Verwandten gekreuzt. Der Plumptyp (Cobby) der Katze habe sich soentwickelt.

Einige Fundstücke aus dem 11. Jahrhundert zeigen,dass Katzenfell von den Wikingern getragen und im Mittelalter in Europabevorzugt gehandelt wurde. Zu dieser Zeit und noch vor etwa 100 Jahrenwurde insbesondere in Frankreich und England Katzenleder als besondersgeschmeidiges Material zu Handschuhen verarbeitet.

Zu Mitte des15. Jahrhunderts schrieb Gerolamo Visconti über Hexen, die angeblichnachts in Katzengestalt in die Häuser eindrangen, in denen Kinderschliefen. Damals gehörte es zum französischen Brauchtum, eine Katze indas Fundament einer Kirche einzubauen. Das Gotteshaus begrub dabeisozusagen den Satan und seine bösen Mächte unter seiner großen Masse.Dies sollte den Sieg des Guten über das Böse symbolisieren. An diesedunklen Zeiten erinnern noch Sprichwörter, Redensarten undabergläubische Rituale, so dass die Katze noch heute zwiespältigbesetzt wird.

Obwohl man im Orient den Katzen gegenüber imAllgemeinen freundlicher eingestellt war, wurden sie im Japan des 13.Jahrhunderts mit einem Dämon, wie beispielsweise mit der Menschenfressenden Hexe Neko-Baké, die in Gestalt einer Katze in die Häusereindringt und dort ungehorsame Kinder frisst, in Verbindung gebracht.

Im10. Jahrhundert ist die Katze auf dem gesamten europäischen Kontinentund in fast ganz Asien verbreitet. Vom 15. bis zum 18. Jahrhundertgelangt sie auf den Schiffen europäischer Entdecker nach Nordamerika,Australien und Neuseeland.

16. Jahrhundert bis heute

Alsim 16. und 17. Jahrhundert die Städte immer größer wurden und dadurchauch die Zahl der Hauskatzen zunahm, verlor das Katzenfell an Wert.Dennoch blieben die gefleckten Wildkatzenfelle weiterhin begehrte undkostbare Ware, wodurch die wilden Verwandten der Hauskatze auf allenKontinenten rücksichtslos gejagt wurden. In Brasilien werdenKatzenfelle heute noch zum Bespannen einer bestimmten Reibetrommel, derCuíca verwandt.

Erst mit der beginnenden industriellenRevolution stiegen Katzen von reinen Nutztieren allmählich zu ihrerheutigen Position als „Heimtier“ auf. Damit verbunden war der Beginnder Katzenzucht. Heute sind mehr als 30 Katzenrassen bekannt, die überinternationale Zuchtverbände standardisiert werden. Im 20. Jahrhundertwird die Katze zu einem der medizinisch, genetisch und physiologisch amintensivsten untersuchten Haustiere. In den 1960er Jahren erforschendie ersten Studienprogramme das Verhalten von Wild- und Hauskatzen. Inden 1990er Jahren ist die Katze schließlich das am weitestenverbreitete wirtschaftlich nicht genutzte Haustier der Welt und läuftzum ersten Mal in ihrer Geschichte dem Hund den Rang ab. Weil aber dieKatze in der westlichen Welt noch immer mit Falschheit undVerschlagenheit charakterisiert wird, hat sich eine zwiespältigeEinstellung erhalten. So glauben beispielsweise immer noch vieleMenschen, dass es Unglück bringt, wenn eine schwarze Katze den Wegkreuzt.

In der heutigen Zeit genießt die Katze in Japan einehohe Wertschätzung. Der in Tokio stehende Tempel Go-To-Ku-Ji, der zuEhren der Katze „Maneki Neko“, die das rechte Vorderbein zur Begrüßungdes Besuchers erhebt und Glück und Reichtum bringen soll, erbaut wurde,ist ganz den Katzen gewidmet. In seinem Inneren, das ein Katzengrabmaldarstellt, gibt es zahlreiche Malereien und Skulpturen mitKatzendarstellungen. Auch in China und Thailand werden Katzen nochimmer als Gottheiten verehrt.

Trotz der langenDomestikationsgeschichte haben sich Hauskatzen ein hohes Maß anSelbständigkeit bewahrt und sind nicht zwingend an Menschen gebunden.In vielen Gegenden außerhalb Europas, vor allem in Australien,Neuseeland und auf vielen Inseln, sind Katzen so sehr verwildert, dasssie heute in keiner Beziehung zum Menschen mehr stehen. Verwilderteaustralische Hauskatzen zeigen eine erhebliche Anpassung an ihre neueUmwelt. Sie sind größer und muskulöser geworden und entwickelnFellfärbungen, die im jeweiligen Habitat am günstigsten zur Tarnungsind. Diese Katzen leben in erster Linie von den in Australieneingeführten Kaninchen, aber auch von einheimischen Tieren.